Wenn Kinder erwachsen werden

Gruselig waren die letzten Jahre mit der jüngsten Tochter im Haus. Sie kam und ging wie sie wollte, während die Mutter wach lag und erst schlafen konnte, sobald das vertraute Geräusch vom Schlüssel in der Haustür zu hören war. Oft war das erst um 6 Uhr morgens, kurz bevor ihr eigener Wecker klingelte.

Sie dachte es wäre gut, wenn Kira* auszieht und endlich Ruhe im Haus einkehrt. Doch nun ist es viel schlimmer. Petra* leidet darunter, dass ihr Kind nicht richtig erwachsen wird. Sie macht sich noch mehr Sorgen als früher, weil sie so wenig von ihrem Alltag erlebt und Kira auch kaum etwas erzählt.

Sie kommt nicht klar

Das einzige was Petra sicher weiß ist, dass Kira im Leben nur schwer klar kommt. Ihrer Meinung nach trinkt sie zu viel und in der WG geht es zu wie in einem Taubenschlag. Sie hat dort ständig wechselnde Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Kaum hat sich Petra einen Namen gemerkt, ist der auch schon wieder Geschichte.

Sie fragt sich sogar schon, ob ihre Tochter wirklich studiert. Kira erzählt ihr kaum etwas von ihrem Leben. Jede Frage wird unwirsch oder gar nicht beantwortet. Sie meldet sich auch nur, wenn sie Geld braucht oder anderweitige Hilfe. Das sind dann die schlimmsten Begegnungen, voller gegenseitiger Vorwürfe. Auch wenn das nur zwei oder dreimal im Monat vorkommt, ist Petra danach tagelang voller Sorgen und Trauer.

Schlaflose Nächte

Petra hatte die Hoffnung, mit dem Auszug der Tochter endlich wieder besser zu schlafen. Das Gegenteil ist der Fall. Jede Nacht treibt es sie aus dem Bett. Meist schläft sie gut ein, doch nach ein bis zwei Stunden wacht sie schweißgebadet auf und das Gedankenkarussell dreht wilde Runden.

Immer dreht es sich dabei um die Tochter. Ihr Mann, Kurt versucht sie dann zu beruhigen. Es gelingt ihm nur schwer und so leiden beide seit Wochen unter den schlaflosen Nächten. Bei den Schlafstörungen kann es sich auch um Beschwerden durch die Wechseljahre handeln, so dass ich Petra rate, mit der Frauenärztin darüber zu sprechen.

Die Sorgen um ihre Tochter sind jedoch so ausgeprägt, dass es an der Zeit ist, sie mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Was jetzt?

„Es muss was passieren, Kira ist jetzt 25 Jahre alt und ich fürchte mich vor ihrer Zukunft“ sagt Petra weinend.

Was für ein schrecklicher Gedanke, bedeutet er doch in ganzer Konsequenz, dass die eigene Mutter Angst davor hat, dass ihr Kind weiter lebt. Es wird Zeit genauer hinzuschauen. Zum Glück ist Petra das auch klar. Sie will raus aus dem Gedankenkarussell. Sie will ihr Kind erwachsen werden lassen, sich nicht mehr verantwortlich fühlen. Aber Petra hat keine Ahnung, wie das gehen soll.

Wenn Kinder erwachsen werden

Es ist schwierig heutzutage erwachsen zu werden. Erwachsene haben im Moment keinen besonders guten Ruf. Sie werden entweder als verantwortungslos oder als freudlose Menschen erlebt. Nichts scheint weniger verlockend zu sein als erwachsen zu werden. Unsere Kinder haben nur eine diffuse Vorstellung davon.

Es gibt auch keine Kultur, die dabei hilft, Übergänge von einer Lebensphase in die andere zu begleiten. Von den seltsam brachialen Initiationsriten der Urvölker ist nichts mehr übrig geblieben. Das ist wahrscheinlich auch gut so, denn nicht jeder Mensch hat damals diese Rituale überlebt. Immerhin war ihnen klar, dass es bei diesem Übergang um Leben und Tod geht. Genauso wie schon bei unserer Geburt. 

Die Frage auf dem Weg zum erwachsenen Menschen ist immer die Frage danach, ob ich überhaupt überlebensfähig bin? Kann ich die Verantwortung für mein Leben übernehmen? Ist die Antwort darauf ein Ja, dann läuft es gut.

Ist sie ein Nein, dann zeigt sich das durch chaotische Entscheidungen und die Vermeidung von notwendigen Entwicklungsschritten. Petra und Kurt versuchen im Moment Kira diese Entwicklungsschritte ab zu nehmen. Das kann nicht gelingen, sie müssen scheitern. Vor allem Petra fehlt das Vertrauen in Kira. Der Grund liegt in der gemeinsamen Geschichte von Petra und ihrer Tochter.

Schuldgefühle

Mit Hilfe von Figuren stellen wir die Situation auf. Es zeigt sich, dass Petra von Schuldgefühlen gegenüber ihrer Tochter geplagt wird. Sie hat damals viele Fehler gemacht, sogar selbst zu viel getrunken. Es kam für ein paar Tage so weit, dass ihre Tochter im Heim leben musste. Petra kann sich das einfach nicht verzeihen. Wie gerne würde sie alles ungeschehen machen. 

Kira’s Vater ist früh gestorben und das hat Petra damals total aus der Bahn geworfen. Sie wollte selbst nicht mehr leben, war vollkommen überfordert. Als Kurt in ihr Leben trat wurde es für Petra endlich gut. Doch sie ist sich sicher, dass es für Kira zu spät war. Ihr wird für immer der nötige Halt fehlen, daran zweifelt Petra keine Sekunde.

Immer alles richtig machen

Seit ein paar Jahren liest Petra ständig Ratgeber zum Thema Kindererziehung. Selbst die Bücher zum Bonding und das erste Babyjahr verschlingt sie. Dort findet sie immer wieder Fehler, die sie selbst damals bei Kira gemacht hat. Sie ist sich sicher, dass Kira wegen ihr jetzt völlig lebensunfähig ist und sie kann das einfach nicht ertragen.

Vor lauter Schuldgefühlen und Horrorgedanken über die Lebensunfähigkeit der eigenen Tochter verpasst sie allerdings die Begegnungen, die heute mit ihrer Tochter möglich wären. Petra sieht gar nicht den erwachsenen Menschen, der ihre Tochter ist, sondern sie sieht nur noch ihr eigenes Versagen in ihrer Tochter. Da kann natürlich keine entspannte Beziehung entstehen.

Die Verantwortung übernehmen

„Ja, Sie sind verantwortlich für Ihr Handeln,“ sage ich zu Petra als sie wieder einmal sich selbst beschuldigt, versagt zu haben. 
„Umso dringender wird es jetzt Zeit, dass sie die Verantwortung auch übernehmen.“ sage ich. 

Sie schaut mich fragend an „Wie geht das?“

Das ist eine sehr gute Frage. Wer weiß schon wie das geht, wirklich Verantwortung zu übernehmen? Meist sollen Fehler ungeschehen oder wieder gut gemacht werden. Das geht nicht immer. Aber es lohnt sich, die Situation noch einmal genau anzuschauen und sich auf die Suche danach zu machen, was eigentlich dazu geführt hat oder was gefehlt hat. Nicht, um es zu entschuldigen, sondern, um daraus zu lernen. 

Als Petra plötzlich klar wird, was für eine hilflose junge Frau sie damals war, beginnt sie erstmals Mitgefühl mit sich selbst zu haben. Sie sieht wie überfordert und haltlos sie war. Das ist der richtige Weg, um auch mehr Mitgefühl mit Kira zu haben. Auch der innere Druck, ab jetzt unbedingt alles richtig zu machen, lässt nach.

Loslassen

In einer weiteren Sitzung beschließt Petra, all diese schrecklichen Erinnerungen und Vorwürfe aufzuschreiben und dann auf dem örtlichen Friedhof zu begraben. Dieses Ritual hilft ihr dabei, aus dem ständigen Gedankenkarussell auszusteigen. Manchmal geht sie noch zum Grab ihrer schrecklichen Erinnerungen aber das wird immer seltener. Auch der Kontakt zu Kira ist viel entspannter geworden, seitdem Petra ihre Erinnerungen begraben hat. 

Es geht nicht darum, alles gut zu heißen, aber ein Fehler oder auch echte Schuld wird durch Selbstverurteilung und ständiger gedanklicher Wiederholung nicht besser. Zu lernen, mit den eigenen Fehlern so umzugehen, dass sie auch vorbei sein dürfen, ist echte Lebenskunst. Erst dann kann etwas Gutes daraus entstehen.

Petra und Kira kommen noch einmal gemeinsam zu mir in die Beratung. Gemeinsam entwickeln sie Ideen, wie sie in Zukunft den Kontakt gestalten wollen. Dazu gehört, einmal im Jahr ein gemeinsames Wochenende und Kira will lernen, besser mit Geld umzugehen. Sie hat verstanden, dass ihre Mutter ihr nichts mehr schuldet.

Empty Nest Coaching

Wenn es dir auch so oder so ähnlich geht während deine Kinder erwachsen werden, dann hol dir meinen Onlineworkshop „Empty Nest – die Kinder loslassen“ . Er unterstützt dich dabei, diese besondere Zeit sinnvoll zu gestalten. Die Kinder sind frei ihren Weg zu gehen, aber auch du bist frei deinen eigenen Weg zu entdecken. Du bist herzlich Willkommen.

*selbstverständlich sind die Namen und Fallgeschichten verfremdet, so dass keine Rückschlüsse auf reale Personen möglich sind.

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